Interview mit Drehbuchautor Marc Blöbaum
(von März 2007)
Woran arbeiten Sie gerade?
Im Moment schreibe ich zusammen mit meiner Frau Stephanie einen neuen Fall für die Hafenkante.
Warum findet sich im Fernsehen so wenig vom "wirklichen Leben" wieder? Haben Sie da als Drehbuchautor gerade bei Serien wie Notruf Hafenkante, wo versucht
wird auf Authentizität zu achten, die Gelegenheit einfach Alltagssituationen, die Sie kennen zu übernehmen?
Findet im Fernsehen wenig "wirkliches Leben" statt? Ich weiß es nicht. Natürlich werden in Serien und Spielfilmen Geschichten zugespitzt, dramatisiert, aber Grundlage sind Konflikte, die sich aus
unserem Dasein und unserem Zusammenleben ergeben. Geburt, Liebe, Verlust, Sterben etc. Vielleicht erscheint die Umsetzung manchmal artifziell. Aber wer will, kann sich vor Künstlichkeit durch
Recherche schützen. Also ja, ich übernehme auch Alltagssituationen. Weniger aus meinem eigenen Leben, sondern aus dem Umfeld, in dem ich meine Fälle und Figuren ansiedel.
Auf welche Art und Weise recherchieren Sie die Hintergründe zu den ernsten Geschichten (Sterbehilfe, etc.), die
Sie schreiben?
Zum einen haben wir Ärzte und Polizisten, die uns bei Fachfragen beraten oder Fälle aus ihrem Berufsleben schildern. Manchmal wende ich mich an Anwälte. Und dann ist natürlich das Internet eine
hervorragende Quelle, um an Informationen zu kommen.
Wie lange arbeiten Sie an einem Drehbuch für Notruf Hafenkante?
Von der ersten Idee bis zum fertigen Drehbuch dauert es ein paar Monate. Wobei zwischen den einzelnen Arbeitsschritten immer auch längere Pausen liegen. Es funktioniert auch nicht, die reine
Schreibzeit am Computer zu Wochen, Tage und Stunden zu addieren. Die Arbeit an einem Buch heißt oft auch ein ungelöstes Finale, eine fehlende Wendung oder einen unbefriedigenden Anfang gedanklich
durch ein Wochenende zu schleppen. Oder zwei.
Es ist sehr vielseitig, was Sie schreiben: Sie haben einerseits z.B. Bojes Humor und dann einen dramatischen Einsatz in einem Buch, wo es beim Dreh dann in
einem Fluss abläuft. Schreiben Sie solche Geschichten getrennt und flechten Sie dann für die Produktion zusammen, oder versuchen Sie auch in einem Fluss zu schreiben mit Ortswechseln im direkten
Schreibverlauf?
Wenn ich die Frage richtig verstanden habe, dann lautet die Antwort: Ich schreibe ein Drehbuch von Szene 1 bis 50 durch. Naja, manchmal gibt es so kniffelige Szenen, die überspringe ich zunächst,
weil ich nicht in der Stimmung bin, etwas Melancholisches oder Trauriges zu schreiben. Und dann rückt der Abgabetermin näher. Die Zeit des mimosenhaften Zögerns ist vorbei, ich schnür meinen
Dramaturgie-Rucksack und auf geht´s.
Fügen Sie die Regieanweisungen ein, wie der Kameraverlauf z.B. sein sollte oder ist das dann schon die Arbeit des Regisseurs oder Kameramanns, damit meine
ich Anweisungen wie z.B. bildschrimfüllend?
Kameraeinstellungen schreibe ich ganz ganz selten in ein Drehbuch. Die Szene auflösen, die Schauspieler führen - das machen Regie und Kamera. Weil es ihr Job ist und sie es viel besser können,
als ich.
Wie weit vor dem Abgabetermin müssen Sie das Treatment erstellt haben und vermutlich auch an die Produktion zur Kontrolle abgegeben
haben?
Das Treatment ist der Arbeitsschritt vor dem Drehbuch. Und beides wird mit Produktion und Redaktion besprochen. Rechtzeitig vor dem Drehtermin.
Schreiben Sie Dialoge eher 'durch die Blume' oder direkt?
Das hängt von den Charakteren ab, die ich reden lasse. Manche lieben das klare Wort, andere versuchen ihre Absichten und Wünsche indirekt zu äußern. Aus Scham, Eitelkeit... warum auch immer. Und
dann kommt es natürlich auf die Situation an. Unter Zeitdruck, im Stress, in Bedrängnis lasse ich Charaktere lieber schnörkellos kommunizieren.
Wie haben Sie sich vor der Arbeit am Drehbuch zu Notruf Hafenkante mit den Figuren auseinandergesetzt?
Meinen Sie das Ensemble? Ich seh mir bestehende Folgen an. Schaue, wie die Schauspieler agieren, wie sie ihre Rolle ausfüllen. Für die Episoden-Rollen gilt das oben genannte: Recherche. Und dann
versuche ich ein möglichst kohärentes psychologisches Profil zu entwickeln.
Welches Kriterium bei der Figurenentwicklung ist für Sie das wichtigste: Das physiologische, das soziologische oder das psychologische?
Wie gesagt, die Psychologie einer Figur muss stimmen. So zerrissen sie auch sein mag, ihr Handeln muss ihren Wünschen und Bedürfnissen entsprechen.
Frank Daniel, einer der besten Drehbuchlehrer der Welt sagte einmal auf die Frage, was das dramaturgische Grundprinzip von spannenden Geschichten sei
"Somebody wants something badly... and has a hard time getting it." - wie stehen Sie dazu?
Da hat Frank Daniel absolut recht. Die Hauptfigur hat ein Ziel und will es mit allen Mitteln erreichen. Sie muss Hindernisse überwinden, Feinde besiegen, Verbündete gewinnen, Freunde
überzeugen... Sie muss handeln. Und wir wollen wissen: Verdammt - erreicht er (oder sie) das Ziel oder nicht?
Ich gehe davon aus, dass Sie am Computer schreiben: Benutzen Sie ein spezielles Drehbuchprogramm oder ein normales Schreibprogramm?
Ich schreibe in der Regel ohne Drehbuchprogramm, benutze ganz normales Word.
Wie sieht die Arbeit und deren Verteilung innerhalb des Teams eigentlich aus? Arbeitet jeder Autor an einer unterschiedlichen Szene und wie entsteht das
komplette Drehbuch für die Episode anschließend?
Jede Folge wird von einem Autor bzw. einem Autorenpaar geschrieben. Es gibt keine Arbeitsteilung in Plot-Supervisor und Dialog-Autoren o.ä.
Wie schützen Sie sich vor Ideenklau?
Gar nicht. Ich glaube auch nicht, dass sich Autoren, Produzenten oder Regisseure gegenseitig bewusst Ideen klauen. Manchmal gibt es Koinzidenzen, weil manche Geschichten einfach in der Luft
liegen. Dann können parallel zwei identische Stoffe enstehen. Ich denke immer, wenn ich eine gute Idee habe, dann wird man mich diese Idee auch umsetzen lassen. Und nicht jemand anderes darauf
ansetzen.
Vielen Dank für das Interview!
(c) Carina Becker

